so lange der vorrat reicht

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Projektgruppe03 verarbeitet in seiner IProjektgruppe 03 (raum-und designstrategien unit_m)

„so lange der Vorrat reicht…“

Dauer der Ausstellung: 23.4.09 – 2.5.09

Finissage/Party: 2.5.09, 20h

Ort: Raum- und Designstrategien unit_m, Reindlstr. 16-18

 

Statistische Daten:

Projektgruppe03 verarbeitet in seiner Intervention „so lange der vorrat reicht…“ im Verlauf von 10 Tagen 500kg Popcornmais zu Popcorn.

500 kg Popcornmais benötigen für den Anbau 500m² Ackerfläche, von der Aussaat bis zur Erntereife rund 6 Monate Zeit und dabei ca. 275.000kWh Sonnenenergie-Einstrahlung, ca. 200m³ Wasser, weiters ca. 100kWh für Bodenbestellung und Ernte und ca. 100 kWh zur Trocknung auf eine Lagerfeuchtigkeit von ca. 12 – 13%.

Der für die menschliche Verdauung verfügbarer Energiegehalt dieser Menge liegt bei ca. 1,65 Mio kCal, das entspricht ca. 2.000kWh. Ein Mofa mit einer Leistung von 1 kWh könnte mit dieser Energiemenge auf den Primärenergiebedarf gerechnet beispielsweise hypothetisch knapp zwei Mal die Erde umrunden. Auf die Energieeffizienz von Verbrennungsmotoren umgerechnet, unter idealen Bedingungen bestenfalls ein Mal die halbe Erde. Das ist immerhin noch ungefähr die Stecke von Linz nach Beijing und zurück und dann noch nach Bamako in Mali, Westafrika. Die von uns verarbeitete Menge würde auf ihren Energiegehalt bezogen theoretisch einen Menschen 3 Jahre lang ernähren. Als Hauptnahrungsmittel ist Mais allerdings nur nach spezieller Behandlung geeignet, da in unbehandelter Form keine ausreichenden Mengen an essentiellen Aminosäuren daraus bezogen werden können und bei einseitiger Ernährung mit Mais die lebensbedrohliche Mangelkrankheit Pellagra die Folge ist, analog der Beri-Beri-Krankheit bei einseitiger Ernährung mit Reis.

Punkto Energieeffizienz nutzt der Mais als C4-Pflanze, die einen anderen Kohlenstoffwechsel als andere Pflanzen hat, für den Körnermais rund 1% der aufgenommenen Sonnenenergie-Einstrahlung. Als Gesamtpflanze – etwa als Silomais für die Biogas-Produktion – errechnet sich eine Energieeffizienz von rund 2%.

Die Gesamtproduktion von Mais beträgt global rund 780 Mio t. Der überwiegende Teil, rund 70%, davon wird als Tierfutter verwendet, geringere Anteile gehen in die industrielle Stärkeproduktion, etwa für Puder oder Backhilfsmittel, gering sind auch die Anteile an der Weltproduktion die in die Verpackungsindustrie – zum Beispiel für Folien, stärkehaltige Kunststoffe oder Verpackungsmaterial und Verpackungshilfsmittel gehen und ein steigender Anteil der Weltproduktion geht in die Fermentierung zur Gewinnung von Biogas. Der Rest wird als Nahrungsmittel verwendet. Die von uns verwendete Menge Körnermais entspricht einem Anteil von 1,56-5 % der Weltproduktion.

Für die Verarbeitung von Körnermais zu Popcorn verbrauchen wir in der gegenwärtigen Konstellation ca. 2.300kWh elektrische Energie und ca. 20m³ Trinkwasser. Diese Energiemenge übersteigt den Nährenergiegehalt sowohl des Rohprodukts als auch des Endprodukts um ca. 15% und entspricht energetisch dem Äquivalent von rund einer Viertel Tonne hochwertiger Steinkohle oder rund 150 Liter Superbenzin. Durch diesen Energieverbrauch führen wir der Erdatmosphäre im Verlauf der Dauer unserer Ausstellung rund eine Tonne CO2 zu.

Das charakteristische Aufpoppen des Popcorns entsteht durch das Erhitzen des im Mehlkörper des Maiskorns freien und molekular gespeicherten Wassers. Bei rund 200°C hält die Außenschale des Maiskorns dem Druck des Wasserdampfs nicht mehr stand und platzt auf. Die schaumartige Struktur entsteht durch die plötzliche Abkühlung nach Freiwerden des Drucks. Wahrscheinlich sind daran auch enzymatische Vorgänge beteiligt.

Die idealen Bedingungen für den beschriebenen Prozess liegen bei Temperaturen um 235°C und bei einem Feuchtigkeitsgehalt im Korn von 12%.

Popcorn ist schon aus dem vorkolumbischen Amerika bekannt, wurde als Nahrungsmittel, als Schmuck aber auch als Orakelmedium verwendet. Die Form des aufplatzenden Korns sollte – ähnlich wie beim Bleigießen oder beim Kaffeesatzlesen – Aufschluss über den Verlauf des Schicksals geben.

Derzeit sind aus den über 5000 bekannten Maissorten überwiegend zwei Popcornsorten verbreitet, die nach der Charakteristik ihrer gepoppten Form als Typen „Flower“, also „Blume“ oder „mushroom“, also „Pilz“ im Handel sind.

Aufgrund der großen globalen Produktionsmengen und der damit verbundenen hohen möglichen Wertschöpfung ist Mais neben Soja, Kartoffeln und Weizen eine jener Feldfrüchte, die im Focus des wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Interesses im Hinblick auf Genmanipulation stehen. Im Gegensatz zu züchterischer Veränderung werden diese Pflanzen nicht auf geschlechtlichem Weg verändert, sondern durch das Einschleusen artfremder DNA in den Zellkern. Bevorzugte Stoßrichtungen der diesbezüglichen Bemühungen sind die Resistenz gegenüber Viren und Pilzerkrankungen, selektive Giftigkeit für Schadinsekten, die Produktion von mehr Biomasse pro Pflanze, kürzere Reifezeiten aber auch Resistenz gegenüber Pflanzenschutzmitteln. Die bekanntesten Unternehmen, die gentechnisch veränderten Mais auf den Markt bringen, sind Pioneer und Monsanto.

Bei dem von uns für diese Ausstellung verwendeten Popcorn handelt es sich um ein bio-zertifiziertes Ausgangsprodukt, das in Österreich angebaut wurde.

 

 

Konzeptuelle Fragen:

Natürlich könnte man Popcorn wirtschaftlicher, sauberer, effektiver und technologischer inszeniert produzieren. Die Frage ist, in wie weit sich unsere Intervention von der tatsächlichen Realität des Marktes und der globalen wirtschaftlichen Strategien der Orientierung an den Arbeitsmarkt-, Sozial- und Umweltkosten unterscheidet? Unser Ausstellungsprojekt stellt solche Fragen.

Etwa:

Wie komplex und vernetzt ist die weltweite industrielle Lebensmittelproduktion? Was bedeutet diese Komplexität für die Produktionsabläufe und für die am Prozess Beteiligten? Welche Möglichkeiten bieten diese Abläufe steuernd einzugreifen oder die Ausgangsbedingungen zu verändern? Zu welchen Reaktionen neigen KonsumentInnen angesichts scheinbarer oder tatsächlicher Komplexität?

Wie wird Nahrung global verteilt? Welche ethischen Fragen werden aufgeworfen angesichts der Tatsache dass von den derzeit ca. 6,7 Mrd. Menschen auf der Erde rund 1,8 Mrd., das ist grob ein Fünftel der Weltbevölkerung Hunger leiden, während theoretisch und auf den Nährenergiegehalt bezogen alleine die globale jährliche Maisproduktion ca. 4,7 Mrd. Menschen ernähren könnte, davon aber 70% Tieren, vorwiegend Schweinen und Hühnern, verfüttert werden?

Welche Wertigkeit haben Ressourcen wie Wasser und Energie in der globalen Lebensmittelproduktion? In welchem Verhältnis stehen der Nährwert des Ausgangsprodukts und die eingesetzte Energie sowie „virtuelles Wasser“  -also jenes Wasser, das für den Produktionsprozess benötigt wird, um aus einem Rohstoff zum Beispiel medial konnotiertes Fun-Food oder Convenience-Food zu produzieren?

Welche Wertigkeit besitzt Nahrung, sobald sie im Überfluss vorhanden ist und nicht mehr von industriellen Produkten unterschieden werden kann? Welche Gefühle entstehen, wenn man auf Nahrungsmitteln geht oder in ihnen watet?

Welche Standards herrschen in der globalen industriellen Nahrungsmittelproduktion? Welche Parameter werden bei der Erstellung der Standards gemessen? Gibt es unterschiedliche Standards für unterschiedliche Gesellschaften oder Gesellschaftsgruppen? Welche Standards werden welcher Gesellschaft oder gesellschaftsgruppe zugewiesen oder zugemutet? Wer erstellt die Standards und wer misst sie?

Wie durchschaubar sind globale Produktions- und Distributionsmechanismen von Nahrungsmitteln? Welche Rolle spielen markentechnische Strategien im Hinblick auf triviale Produkte des täglichen Bedarfs? Wie werden die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Produktion und Verteilung, zwischen Gestehungskosten und Gewinnmargen verschleiert?

 

Gestaltung:

Eine Waschmaschine als eigentliches Herz unseres Popcorn-Reaktors weckt sicherlich andere Assoziationen als etwa eine in diesem Kontext eher angebrachte Mischmaschine, wie ich sie in vielen renommierten Lebensmittel verarbeitenden Betrieben im Zug meiner Laufbahn als Fernsehredakteur oft gesehen habe. Eine Mischmaschine, die im Verlauf unserer Diskussionen über das Projekt mehr als einmal im Raum gestanden ist, hat etwas Konstruktives an sich. Mit einer Mischmaschine macht man etwas. Man baut, man konstruiert. Eine Mischmaschine schafft Faktizität.

Was ist dagegen eine Waschmaschine? Ich erinnere mich noch an die Zeit, als eine Waschmaschine – noch vor dem Fernseher, geschweigen denn dem Farbfernseher – ein Statussymbol war. Aber nicht nur Statussymbol, sondern auch ein Symbol für Sauberkeit, für ausgekochte Sauberkeit. Es gab keine braunen Flecken mehr in der weißen, weißen Wäsche der Österreicher. In unserer Waschmaschine wird brauner Mais zu weißem Popcorn. Aus hart wird weich. Anders als beim Prozess des Wäsche-Waschens ist der von uns in dieser Waschmaschine angezettelte Prozess nicht umkehrbar. Wahrend man Wäsche wieder schmutzig machen kann, lässt sich Popcorn nicht mehr in Mais zurückverwandeln. Wie bei einem Waschvollautomaten bedient sich auch unsere Konstruktion einer automatischen Steuerung, die den Produktionsprozess vollautomatisch ablaufen lässt. Der Mensch übernimmt dabei lediglich die Rolle eines Belieferers mit Nachschub und wird damit gewissermaßen zum Lakaien eines Geräts und befindet sich dadurch in einer dem Zauberlehrling nicht ganz unähnlichen Situation.

Aus unserem ursprünglichen Konzept einer quasi-Waschmaschine mit ausdrucksloser Sterilität wurde unser Monster entwickelt, eine Maschine, die bei aller Dreckigkeit und Offenlegung ihrer Innereien noch immer genug Unklarheit lässt über den genauen Ablauf der Vorgänge, der geheimen, molekularen Prozesse, die sich in einem organischen Produkt vollziehen, bevor es zu einem – vorsichtig gesprochen – Genussprodukt wird.

 

Projektgruppe 03

Florian Aistleitner

Denica Nedyaloka (Erasmus –Studentin, Bulgarien)

 Lena Leblhuber,

Amir Andamy-Velayati

Kathi Kloibhofer

Viktoria Löffler

 Christian Schrenk

 

Sponsoren/Unterstützung:

Fa. Gfrerer, Linz (Alu-Konstruktion)

Hydrocontrol.at (Pneumatiksteuerung)

Brauerei Hofstetten, St. Martin im Mühlkreis.

Schlossbrauerei Eggenberg, Vorchdorf.






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